04: Punkt, Punkt, Komma, Strich ... Texte als Zeichensysteme und Kommunikationsakte

In der heutigen Folge lernen Sie drei analytische Verfahren aus der Textlinguistik kennen, anhand derer Sie nun richtig in die eine sprachliche Analyse eintauchen können.

Zuvor hören Sie im Podcast, warum das digitale Zeitlater diesbezüglich einiges verdeutlichen kann und warum ab hier die Exegese mit der Detektivarbeit vergleichbar ist.


Syntax


Bei den antiken Grammatikern galt das gr. σύνταξις als terminus technicus für die sprachlogische Verbindung einzelner Wörter oder Sätze untereinander und so als Lehre der Wortgefüge und -verknüpfungen.

 

σύνταξις (Syntax) bedeutet übersetzt „Zusammenstellung“, „Zusammenordnung“ oder „Anordnung“

Der Begriff wurde übrigens auch auch für die Schlachtordnung bzw. die Aufstellung der Soldaten im Heer benutzt.

 

Es geht also in der syntaktischen Analyse um die Untersuchung der konkreten sprachlichen Gestalt eines Textes. Dies geschieht in zweierlei Hinsicht:

 

1. Über die Untersuchung der im Text enthaltenen sprachlichen Mittel und

2. Die Regeln, nach denen diese im Text miteinander verknüpft sind.

 

Konkret untersuchen Sie hier, wie ein Text grammatikalisch-syntaktisch aufgebaut ist.

 

Sie merken schon, dass es um die Beziehung zwischen beiden Aspekten geht und vielleicht auch,
dass Sie seit der letzten Folge schon textlinguistisch eingestiegen sind, indem Sie Strukturen, Gliederungsebenen und Kompositionsmuster sichtbar gemacht haben.

Bild: pixabay.com

Wie können Sie methodisch vorgehen?

Wortarten und Wortformen analysieren

Zunächst können Sie Wortarten und Wortformen untersuchen.

 

Sie bestimmen die Wortart von jedem einzelnen Wort in Ihrem Text. Am einfachsten geht
das, wenn Sie im griechischen Text alle Substantive, alle Verben, alle Pronomen etc. in je einer Farbe unterstreichen.

Notieren Sie in einer Tabelle, die wie unten gezeigt aufgebaut sein sollte, die Häufigkeit, mit der die verschiede­nen Wortarten in Ihrem Textabschnitt verwendet werden.

Substantive Verben Pronomen Adjektive Adverbien Präpositionen Konjunktionen
?x ?x ?x ?x ?x ?x ?x

Eine bloße Auflistung und zahlenmäßige Differenzierung sagt natürlich zunächst noch nicht viel über das besondere Gepräge eines Textes aus und wäre für sich genommen auch ziemlich sinnfrei.

 

Daher braucht es einen weiteren Schritt, in dem es zu klären gilt, ob die relative Häufigkeit einer bestimmten Wortart signifikant ist.

 

Überlegen Sie einmal für sich, wie dies geleistet werden könnte. 

 

Sie merken schnell, dass ein Text, der viele Verben beinhaltet, viel dynamischer ist als ein Text, in dem Subastantive oder Adjektive dominieren ...

 

Besonders in argumentativen Texten - etwa bei Paulus - können auch die Wortformen (Kasus, Tempus, bei Verben v. a. die Modi: Indikativ, Konjunktiv oder Imperativ) von Interesse für die Untersuchung sein. Imperative etwa begegnen Ihnen in paränetischen - also ermahnenden - Texten.

 

Fragen Sie, ob ein ntl Autor über einen variablen Wortschatz verfügt oder er sich häufig wiederholt? In welchem Maße verwendet er Komposita? Die Beantwortung solcher Fragen sagt etwas über das literarische Niveau eines neutestamentlichen Schriftstellers aus.“ [1]

 

[1] Martin Ebner / Bernhard Heininger: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (utb 2677), Paderborn 42018, 94.

Bild: pixabay.com

Wort- und Satzverknüpfungen im Textgewebe

Der Zusammenhalt einzelner Wörter und Sätze geschieht mittels kleiner, aber wichtiger Wörter, zu denen Proformen, Partikeln und Konjunktionen gehören.

 

Ganz häufig begegnen Ihnen Pronomen im Text, wie schon ein Blick in unseren Seminartext
Mk 1,1-15 zeigt.

 

Einer besonderen Funktion kommen den Konjunktionen zu, da diese Sätze unterschiedlich miteinander verbinden können. So gibt es koordinierende (beiordnende) und subordinierende (unterordnende) Konjunktionen, die sich nochmals in ihrer Funktion voneinander unterscheiden können. 

 

Methodisch können Sie hier so vorgehen:

 

Nehmen Sie die beiliegende Übersicht über nebenordnende und unterordnende Konjunktionen zur Hand (für Studierende der WWU auch im Learnweb) und markieren Sie in Ihrem Text alle Satzbeziehungen.

 

nebenordnende Konjunktionen                                       unterordnende Konjunktionen

kopulativ

(verbindend)

καί - καί, τε - τε / καί -

τε καί (sowohl – als auch)

οὔτε - οὔτε

μήτε - μήτε (weder - noch)

δέ, οὐδέ / μηδέ

(und / und nicht)

temporal

(zeitbestimmend)

ὅτε, ἡνίκα, ὁπότε (als, nachdem)

ὡς (als, nachdem; während; wenn)

ὅταν, ἐπάν (wenn, sobald, immer wenn)

πρίν (bevor)

disjunktiv

(trennend)

ἤ, ἤ - ἤ (oder/ entweder - oder)

εἴτε - εἴτε

πότερον - ἤ (ob - oder)

komparativ

(vergleichend)

ὡς, ὥσπερ (wie)

καθάπερ, καθώς (ebenso wie)

adversativ /

restriktiv

(entgegen gesetzt /
einschränkend)

ἀλλά, δέ, πλήν (aber; nur)

μὲν - δέ (zwar - aber)

μέντοι (jedoch)

final

(Absicht angebend)

ἵνα [μή], ὅπως [μή]

(damit [nicht])

kausal

(begründend)

γάρ (denn)

kausal

(begründend)

ὅτι, διότι (weil)

ἐπεί, ἐπειδή (weil, da ja)

konsekutiv

(Folge angebend)

οὖν, ἄρα (also, folglich)

διό (weshalb, deshalb)

konsekutiv

(Folge angebend)

ὥστε, ἵνα (so dass)

konzessiv

(einräumend)

εὶ καί, ἐὰν καί

(wenn auch)

nach Negation: εὶ μή (außer)

konditional

(Bedingung an­gebend)

ἐάν (wenn)

εἴτε – εἴτε (ob – oder)

Tabelle aus: Sönke Finnern / Jan Rüggemeier: Methoden der neutestamentlichen Exegese. Ein Lehr- und Arbeitsbuch (utb 4212), Tübingen 2016, 115. Etwas weniger umfangreich auch zu finden im Methodenbuch von Ebner / Heiniger (Nachweis s. o.)

Rhetorische Stilmittel aufspüren

„Bei einer rhetorisch-stilistischen Analyse der neutestamentlichen Texte kann man oft eine reiche Ernte einfahren. Dies gilt insbesondere deshalb, weil viele der heutigen rhetorischen Stilmittel bereits den geschulten Autoren und Rezipienten der Antike vertraut waren. Und so machten auch die neutestamentlichen Autoren von diesen Stilmitteln Gebrauch.“ [2]

[2] Finnern / Rüggemeier (Nachweis s. o.) 122.

 

So leiten Finnern / Rüggemeier ihr Methodenbuch-Kapitel zu den rhetorischen Stilmitteln ein. Man kann hier konkretisieren: Biblische Autoren griffen in ihren Texten bewusst oder unbewusst auf bekannte rhetorische Text- und Sprachmuster ihrer Zeit und Umwelt zurück, denn die Rhetorik ist eine antike Disziplin.

 

Zwei Stilfiguren haben Sie in der letzten Folge schon kennengelernt: Den Parallelismus und den Chiasmus, die beide zu den sog. „Anordnungsfiguren“ zu zählen sind. Weitere Stilmittel kennen Sie sicher aus der Schule. Überlegen Sie doch einmal für sich, welche Ihnen bereits vertraut sind.

 

Methodisch können Sie hier so vorgehen:

 

Benennen Sie Stilfiguren im Text. Verwenden Sie dazu eine Übersicht mit Stilmitteln und schreiben Sie die Bezeichnungen neben den Text.

 

Eine solche Liste finden Sie etwa hier
(Studierende der WWU Münster darüber hinaus auch im Learnweb.)

 

Fragen Sie dann, welche Funktion durch die Verwendung eines Stilmittels jeweils erreicht werden.  Soll sie einfach schön klingen, also einen Text ästhetischer machen, oder ergibt sich durch die Verwendendung nicht etwa eine bestimmte Wirkung?

 

Röm 12,15 als Beispiel:

 

15a    χαίρειν μετὰ χαιρόντων,     

          fröhlich zu sein mit den Fröhlichen,

15b    κλαίειν μετὰ κλαιόντων.   

          zu weinen mit den Weinenden.

 

Hier können Sie einen Parallelismus erkennen, der gleichzeitig ein Merismus (= die Beschreibung eines Komplex mittels zweier Pole) für Empathie. Es geht darum, mit allen Menschen mitzufühlen.

Bild: pixabay.com

Das Beispiel ist ebenfalls dem Methodenbuch von Finnern / Rüggemeier (Nachweis s. o. ), hier: 126, entnommen.

Im parallelen Satzaufbau des Beispiels begegnen Ihnen darüber hinaus zwei Stilmittel, einmal ein Homoiokatarkton (ὅμοιος: gleich + κατάρχω: anfangen), d. h. aufeinanderfolgende Wörter, Satzteile oder Sätze haben den gleichen Anfangslaut. Auch werden die Endlaute wiederholt. Dieses Stilmittel nennt man Homoioteleuton (ὅμοιος gleich + τελευτάω enden).


Semantik


Der Begriff „Semantik“ stammt (Sie haben es sicher schon erraten!) aus dem Griechischen und meint die Lehre von der Bedeutung sprachlicher Zeichen und -folgen.

 

σημαίνω heißt übersetzt „bedeuten“

 

Im Unterschied zur syntaktischen Analyse geht es nun um die Bedeutung von Wörtern und Sätzen für einen Text. Daher sind die logischen Verknüpfungen auf inhaltlicher Ebene von besonderer Bedeutung innerhalb der semantischen Analyse.

 

Verdeutlichen wir das uns an einem Beispiel:

 

„Der ICE aus Rom hat 30 Minuten Verspätung. China ist ein großes Land. Frau Schröder trinkt
gerne Bier. Rot ist die Farbe der Liebe. Montags ist das Büro kaum geheizt.

 

Normalerweise nimmt kein[e] Leser[*in] diese Sätze als stimmigen Text wahr, da sie - obwohl sprachlich-grammatikalisch korrekt - inhaltlich-logisch nichts miteinander zu tun haben.
Die Semantik interessiert sich nun für die Frage, was in einem Text alles vorhanden sein muss, damit er vom Leser [und der Leserin] als stimmiger Text wahrgenommen wird.“ [3]

 

[3] Wilhelm Egger / Peter Wick: Methodenlehre zum Neuen Testament. Biblische Texte selbstständig auslegen (Grundlagen Theologie), Freiburg i. Br. u. a. 62011, 139 (Sehr treffend überschreiben die Autoren ihr Kapitel zur Semantischen Analyse mit „Sinn durch Beziehung“ (vgl. ebd. 138).

 

Bild: pixabay.com

Die Durchführung einer semantischen Analyse erfolgt in drei Schritten:

 

1. Stellen Sie fest, welche Wörter in Ihrem Text bedeutungsmäßig zusammengehören. Diese fassen Sie zu Gruppen zusammen - Sie erstellen so ein „semantisches Inventar“.

Da es in der semantischen Analyse um bedeutungstragende Ausdrücke geht, müssen hauptsächlich Substantive, Verben, Adjektive und zum Teil Adverbien in den Blick genommen werden.

 

2. Arbeiten Sie etwaige semantische Oppositionen (wörtliche Gegensätze, z. B. groß - klein; gut - böse etc. oder gegensätzliche Wortfelder, z. B. Armut - Reichtum) heraus, die zwischen Bedeutungsinhalten des Textes bestehen.

 

Die Schritte 1 und 2 orientieren sich an der Wortsemantik, d. h. an der Bedeutung der einzelnen Wörter, noch unabhängig von deren Zusammenhang im Text.

 

3. Gruppieren Sie Wortfelder und Oppositionen und vernetzen Sie diese miteinander. Dazu bringen Sie alle Wortfelder und Oppositionen anhand folgender möglicher Leitfragen in Beziehung zueinander: Wie ist der Zusammenhang zwischen Wortfeldern und semantischen Oppositionen? Welches semantische Feld erscheint für Ihren Text besonders wichtig?

Sie untersuchen also nun in Schritt 3, wie einzelne Wörter im Text aufeinander bezogen sind
(= Textsemantik). Am Ende Ihrer semantischen Analyse werden so Sinnlinien (= Isotopien) eines Textes sichtbar.

Arbeitsauftrag (bis Mo. 17.05.):

Bild: pixabay.com

 

 

Führen Sie in 2er-Teams eine semantische Analyse zu Mk 1,1-15 nach dem oben dargestellten methodischen Dreischritt durch.

Sie müssen mit  n i c h t  Ihre ganze Analyse zuschicken, sondern nur (und pro Gruppe nur 1x):

  • zwei Stichpunkte zur Frage, was Sie durch den Methodenschritt an Ihrem Text heraus-gefunden haben.
  • zwei Fragen zum methodischen Vorgehen oder zwei Schwierigkeiten, die ggf. aufgetreten sind.

(Die Idee hierzu verdanke ich dem Kollegen M. Hölscher
aus der Folge #04 seines „Bibeldoktors“.)


Pragmatik


Der letzte Schritt dieser Folge zur Analyse eines Textes, der als Kommunikationsakt zu verstehen ist, ist die Textprgamatik.
Nun bewegen wir uns von der Oberfläche und der oberflächlich-inhaltlichen Ebene hin zur Wirkung eines Textes, denn: Texte sind meist mit einer bestimmten Intention verfasst worden.

 

Ein belletristisches Buch will in erster Linie unterhalten, ein Strafzettel fordert Sie auf, einen bestimmten Geldbetrag zu zahlen und die Folgen des Online-Seminars sind mit der Intention konzipiert, dass Sie danach methodisch reflektiert mit ntl Texten umgehen können.

 

Da Sie heute schon sehr viel lesen mussten und sich die Textpragmatik auf narrative Texte (die in unserem Fall mit den Evangelien vorliegen - dazu nächste Woche mehr ...) nicht so leicht anwenden lässt, erzähle ich Ihnen abschließend für heute ein wenig über diese Methode in einem kurzen Podcast.


«   »