05: Erzähl mir was!

Narratologische Analyse I


In dieser und der kommenden Folge beschäftigen wir uns mit ausgewählten erzähltheoretischen
(= narratologischen) Analyseschritten
, die aus den modernen Literaturwissenschaften Einzug in die Exegese biblischer Texte gehalten haben.


Die ntl Texte, mit denen wir uns im Online-Seminar beschäftigen, sind in erster Linie Erzählungen, die in ihrer literarischen Dimension ernstzunehmen sind.

So hat sich die narratologische Analyse - die Untersuchung von Narrativen - als fester Bestandteil der exegetischen Methoden etabliert.

 

Textlinguistik und Literaturwissenschaft sind dabei wichtige Hilfswissenschaften für die Bibelwissenschaft geworden.

 

Bild: pexels.com

Zunächst möchte ich Ihnen eine Definition von Narratologie sowie Aspekten des Erzählens präsentieren:  

„Narratologische Analyse ist die Untersuchung eines gegebenen Erzähltexts unter erzähltheoretischen Gesichtspunkten.

Innerhalb der Erzählforschung unterscheidet man allgemein zwischen dem 

WAS  der Erzählung (Analyse des Erzählinhalts ...) [= story] und dem

WIE   der Erzählung (Analyse der Erzählweise ...) [= discourse],

wobei beide Aspekte eng ineinandergreifen (...).

[z. B. in der Figurenanalyse oder -charakterisierung, wie wir in der nächsten Folge noch genauer sehen werden.]

Darüber hinaus wird in einigen Theorien noch der Erzähler oder der Erzählakt eigens untersucht, wobei hierbei der Akt der Kommunikation bzw. die Interaktion zwischen Erzähler / Text und Leserin bzw. Leser stärker im Blick ist.“

 

Ruben ZIMMERMANN: Art. Narratologische Analyse; Erzähltextanalyse, in: WiReLex (2019),
online unter: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/200628/

 

Wir greifen in den beiden Folgen zur Narratologischen Analyse folgende Fragen auf:

- WAS  wird erzählt?

- WER  erzählt? (bzw. aus welcher Perspektive wird erzählt?) und

- WIE  wird erzählt?


Story - Narration - Plot

[mit Blick auf die ntl Texte spezifiziert]

 

„Mit der neueren Erzähltheorie unterscheiden wir drei Aspekte des Erzählens:
die Story, den Text und die Narration.

Dabei bezeichnet die Story den Gegenstand des Erzählens, die Jesusgeschichte, die aus einer Serie von Events (Auftreten des Täufers, Taufe Jesu, Versuchung …) und den daran beteiligten Akteuren (Täufer, Jesus, Geist, Satan …) besteht.

 

Die Story ist eine Art virtuelle Größe und nur über den Text zugänglich bzw. rekonstruierbar. In unserem Fall sind das die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Nur sie können – als Text – einer textuellen Analyse unterzogen werden.

 

Mit Erzählvorgang oder Narration bezeichnen wir den Akt des Erzählens bzw. dessen kommunikativen Aspekt. An ihm sind der Erzähler und die Adressaten der Erzählung beteiligt,
die wir vorläufig und erzähltechnisch nicht ganz korrekt, mit dem Evangelisten und den Gemeinden, für die sie schreiben, in eins setzen wollen.“

 

Martin EBNER / Bernhard HEININGER: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (utb 2677),
Paderborn 42018, 68.

 

Mit Plot bezeichnet man die im jeweiligen Erzähltext gewählte Anordnung und Verknüpfung der Elemente der Story.

 

Der (klassische) Plot ist durch verschiedene Phasen gekennzeichnet, die durch die Lesen*innen bestimmt werden können:

- Exposition: Der Ort, an dem die Handlung spielt und die Protagonisten werden vorgestellt. Die Situation wird vorgestellt.

- Steigende Handlung: Durch einen Konflikt wird Spannung erzeugt, die auf einen Höhepunkt zuläuft.

- Höhepunkt: Die Spannung hat ihren Höhepunkt erreicht; eine Wendung des Konfliktes (in welcher Form auch immer) ist zu erwarten.

- Abfallende Handlung: Die Konsequenzen, die sich aus er Konfliktlösung ergeben, werden erläutert.

- Denouement (Lösung): Fazit einer Erzählung; Rückkehr zur Normalität (nicht in jeder Erzählung vorhanden)

 

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Sie merken es - innerhalb der Narratologie ist begrifflich schon ganz schön was los!
Darüber hinaus sehen sie auch, wie die oben genannten Einzelfragen der Erzähltherorie
nach dem „was“ und wie“ ineinandergreifen.

Bündeln wir daher noch einmal die einzelnen Aspekte (Parameter) des Erzählens, die untersucht werden können (Sie müssen in Ihren Hausarbeiten nicht alle untersuchen!)

 

Parameter des Erzählers

Hier werden u. a. folgende Fragen verhandelt:
Was lässt sich über die/den Erzähler*in aussagen? Wie steht die/der Erzähler*in zur erzählten Welt? Was sind unterschiedliche Erzählperspektiven? ...

 

Parameter des Diskurses

Wie ist die Erzählperspektive angelegt? Wie räumliche-, zeitliche-, sprachliche Strukturen? Wie ist das Verhältnis zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit? ...

 

Parameter der Erzählung

Was sind Thema und Motive der Erzählung in einem übergeordneten Sinne? Was die Handlung einer Erzählung? Welche Erzählfiguren treten auf? Wie können sie charakterisiert werden? ...

 

Sie sehen: Alles können wir im Rahmen unseres Online-Seminars nicht behandeln. Wenn Sie sich umfassender allgemein hierzu informieren möchten, können Sie das gut bei Silke LAHN / Jan Christoph MEISTER: Einführung in die Erzählanalyse, Stuttgart 32016, nachlesen. Die einzelnen Parameter des Erzähltheorie sind auf den Seiten 74, 113 und 208 schematisch aufgelistet und werden entsprechend erläutert.

 

Nachdem wir in der heutigen Folge Erzählperspektiven in den Fokus rücken, möchte ich mich in der kommenden Folge besonders auf die Frage beschränken,  w i e  ein biblischer Text erzählt wird - dies besonders mit der Analyse von Events und Erzählfiguren.

 


Erzähler*in und Erzählperspektiven


 

Die Instanz der Erzählerin / des Erzählers ist für nicht wenige Narratolog*innen „das eigentliche, unterscheidende Merkmal des Erzählens gegenüber den anderen literarischen Genres.“ [1]

 

Dabei müssen wir uns vor Augen halten, dass die/der Erzähler*in nicht identisch ist mit der/dem realen Autor*in einer Erzählung. Die/der Erzähler*in tritt vielmehr als textinterne Instanz in Erscheinung, die als Vermittler*in zwischen Autor*in und Hörer*innen bzw. Leser*innen fungiert.

 

Eine/ein Erzähler*in kann sich unterschiedlicher Erzählperspektiven bedienen.

 

Hierzu können Sie sich mit diesem Video einen sehr guten Einblick verschaffen.

 

[1] Helmut UTZSCHNEIDER / Stefan Ark NITSCHE: Arbeitsbuch literaturwissenschaftlicher Bibelauslegung. Eine Methodenlehre zur Exegese des Alten Testaments. Gütersloh 22005, 153 f.

 

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Nachfolgend finden Sie drei Beispiele für unterschiedliche Erzählperspektiven, die Sie sicherlich relativ einfach  zuordnen können. Versuchen Sie es doch mal.

 

„Sie sah es wieder. Am Montagmorgen in der Uni. Gerade als sie den Vorlesungssaal betreten wollte, flackerte es in ihrem Sichtfeld. Doch der Schreck blieb dieses Mal aus. Sie hatte sich am Wochenende tatsächlich ziemlich entspannt und jetzt war sie sich sicher, dass es weder Überarbeitung noch irgendein physisches Symptom war. Nervosität paarte sich mit einem Hauch von Neugier, als sie sich von dem Vorlesungssaal abwandte und sich auf das Flimmern zubewegte.“

(aus: Carolin A. S t e i n e r t: Ardantica. Der Obsidian [2019], 33.)

 

„Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden.“

(Franz K a f k a. Die Verwandlung [1915].)

 

„Das Wasser in meiner Badewanne schwappte schon nah am Rand. Neben dem rhythmischen Plätschern der letzten Tropfen, die vom Wasserhahn in mein Schaumbad fielen, genoss ich den Duft meines Duschöls. Obwohl meine verschrumpelten Fingerkuppen mir sagten, dass ich weit über einer durchschnittlichen Badezeit lag, wollte ich die umhüllende Wärme noch ein paar Minuten genießen, bevor ich meinem Sonntagsritual ein Ende setzte. Ich schloss die Augen. Nur noch ein paar Minuten …“

(aus: Janine N i g g g e m e i e r: Endlich New York! Gefühlswirrwarr mit Doppelknoten [2020], 7.)

 

Den zweiten Beispieltext habe ich bei Thimo ZIRPEL: Analyse der Erzählperspektiven, in: Markus Lau / Nils Neumann: Das biblische Methodenseminar. Kreative Impulse für Lehrende (utb 4612), Göttingen 2017, 142f., entnommen.

Arbeitsauftrag für Studierende der WWU Münster:

Machen Sie sich mit der narratologischen Terminologie vertraut und lesen Sie vorbereitend auf die kommende Folge den Beitrag von Andreas LEINHÄUPL-WILKE: Erzähltextanalyse der neutestamentlichen Evangelien, in: BiKi 3 (2007), 180-184. 

Sie finden den Beitrag im Learnweb eingestellt.

 

Sehen Sie sich zudem die beiden hier eingestellte Videos des Bibel Projekts an.

Hier erhalten Sie einen guten ersten Einblick darüber, mit welchen Schwerpunkten der Narratologischen Analyse wir uns in der kommenden Folge befassen.


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