06: Erzähl mir noch mehr!

Narratologische Analyse II


Nachdem wir uns in der vergangenen Folge mit ausgewählten definitorischen Begriffen aus der Narratologie befasst sowie einzelne Erzählperspektiven fokussiert haben, werden wir uns heute näher mit der Handlung einer Erzählung und den handelnden Personen auseinandersetzen.

Wir konzentrieren uns dabei also auf zwei Analyseschritte innerhalb der Story.


Fokus auf die Story

 

Durch die Analyse von Handlung(ssequenzen) und Erzählfiguren mit ihren Konstellationen bzw- Interaktionen lassen sich - mit Blick auf die Story - wesentliche Aspekte beschreiben.

Von Interesse sind hierbei einzelnen Handlungsstränge / Ereignisse (wir sprechen auch von „events“), in die sich eine Erzählung aufteilen lässt und die daran beteiligten Erzählfiguren in ihrem Verhältnis zueinander.

Beide Schritte sind eng miteinander verbunden.

 

In manchen Methodenbüchern finden Sie den Begriff „Motiv“ synonym für „Ereignis“ bzw. „event“ verwendet.
Ich selbst vermeide den Begriff „Motiv“ an dieser Stelle, da hiermit stärker Vorstellungshorizonte mit Blick auf die
Genese eines Textes einhergehen - wir uns mit der Analyse von events aber auf der Ebene der Story bewegen.

 

Bild: Darstellung der Emmauserzählung auf dem Ambo meiner Heimatkirche St. Bonifatius in NR-Niederbieber (eigene Aufnahme).


Analyse der Handlung

Eventketten

 

Zur Analyse der Handlung einer Erzählung gelangen Sie über die Beschreibung und Auswertung sog. Ereignissketten, die in chronologischer Reihenfolge (!) zu erfassen sind.

 

Für die Erstellung des Handlungsgerüsts ist der chronologische Ablauf wichtig - eine Erzählung kann diese Reihenfolge auch verlassen, indem sie mit Vorwegnahmen (Prolepsen) und Rückblenden (Analepsen) arbeiten kann. Man nennt das anachronistisches Erzählen.

 

Die Handungsanalyse ist eine zwingende Voraussetzung für die später vorgestellte Analyse von Erzählfiguren - denn: Ziel ist es, herauszufinden, wie die Handlung narratologisch aufgebaut und durch Erzählfiguren vorangebracht wird.

Handlungsschritte sind stets mit Erzählfiguren verbunden. Sie merken das mit Blick auf einzelne Handlungsverben. Diese gilt es folglich zu untersuchen.

 

Wie gehen Sie nun konkret vor?

 

1. Unterstreichen Sie sämtliche Verben innerhalb der Erzählung.

2. Erfassen Sie die damit verbundene Tätigkeit durch einen zentralen Begriff oder
     einen kurzen Satz.

3. Erstellen Sie abschließend eine Liste der events in chronologischer Reihenfolge.
     Hierbei notieren Sie auch die jeweilige Erzählfigur, die die Tätigkeit unternimmt und
     so die Handlung fortführt.

 

In der Durchführung dieser Analyse werden Sie feststellen dass die Verben sowohl punktuelle als auch andauernde Tätigkeiten beschreiben können. Die punktuellen lassen sich vergleichsweise leicht in ein Schema einordnen - für andauernden Handlungssequenzen empfiehlt es sich, solche an der Stelle aufzulisten, wo sie für die Gesamthandlung erstmals an Bedeutung gewinnen.

 

4. Gehen Sie anhand folgender möglicher Leitfragen in eine Auswertung:

     Welche Figuren sind wie häufig mit Handlungsverben verbunden (Hiermit beatnworten
     Sie die Frage nach den Protagonist*innen einer Erzählung)
? Welche Erzählfiguren sind mit
     welchen events verknüpft und somit Handlungsträger. Sind die events eher als statisch
     oder dynamisch zu bezeichnen? Begegnet Ihnen anachronistische Erzählweise?
     Verläuft eine Handlung linear oder parallel? ...

 

Ein Beispiel:

Lk 10,38-42 (Sie können den Text hier in der Übersetzung der Züricher Bibel einsehen):

 

„Das Handlungsgerüst für diese Perikope könnte folgendermaßen dargestellt werden:

Jesus und seine Jünger sind unterwegs – Jesus geht in ein Dorf hinein – Im Dorf lebt eine Frau namens Martha – Martha nimmt ihn auf – Martha hat eine Schwester Maria – Maria setzt sich zu Jesu Füßen und hört ihm zu – Martha macht sich viel zu schaffen bei der Bewirtung – Martha tritt heran – Martha beklagt sich bei Jesus – Martha fordert ein Wort von Jesus an Maria – Jesus antwortet Martha

Einzelne Bemerkungen:

Der dritte Punkt (Im Dorf lebt eine Frau namens Martha) ist ein andauernder Zustand. Zweifellos lebt Martha auch schon im Dorf, als Jesus mit seinen Jüngern noch unterwegs ist. Für die Handlung ist das jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht wichtig. Es ist in der obigen Abfolge darum erst später erwähnt, nämlich dort, wo es der Text selbst auch erwähnt. Man kann überlegen, ob man diese Notiz überhaupt weglässt, und sich bei den Ereignissen ganz auf die unmittelbar handlungsrelevanten beschränkt.“

 

 

aus: Ulrike KAISER: Einführung in die neutestamentliche Exegese. Überblick - Anleitungen - Beispiele - Literatur, Hamburg 2014, 23,
Aufruf: 26.05.2021 (hier online verfügbar).

Bild: pixabay.com

Knotenpunkte

 

„Jede aktiv vollzogene Handlung in einer Geschichte könnte theoretisch auch unterlassen oder durch eine andere ersetzt werden. Das führt zu den Knotenpunkten der Handlung.

Wenn am jeweiligen Knotenpunkt etwas anderes passiert wäre, dann wäre die Geschichte anders weitergegangen. Es ist klar, dass eine solche Knotenpunktanalyse besonders erhellend ist bei Texten, in denen eine Entscheidung eine Rolle spielt.“ [1]

 

Methodisches Vorgehen:

 

1. Bringen Sie den Text in seine logische Erzählreihenfolge!
2. Ermitteln Sie die Knotenpunkte der Geschichte. Überlegen Sie an welchen zentralen Stellen
     die Geschichte anders hätte verlaufen können.

 

Bleiben wir beim Beispiel Lk 10,38-42:

 

„Im Fall der Geschichte von Maria und Martha ist die Entscheidungssituation besonders komplex, da bereits auf der dritten Ebene sowohl Martha als auch Maria mehrere Möglichkeiten des Tuns und Nicht-Tuns haben, die sich unterschiedlich kombinieren ließen. Für die Auslegung des Textes wird so deutlich, dass es zu diskutieren gilt, inwiefern Marthas Verhalten durch dasjenige Marias zumindest mitbestimmt wird. Auf Ebene 5 gäbe es außerdem die Möglichkeit, dass Martha sich direkt an ihre Schwester Maria wendet. Dass sie es nicht tut, sagt u.a. etwas über die Kommunikationssituation in dieser Geschichte aus.“ [2]

 

 

[1+2] aus: Ulrike KAISER: Einführung in die neutestamentliche Exegese. Überblick - Anleitungen - Beispiele - Literatur, Hamburg 2014, 24.

 

 


Analyse von Erzählfiguren

Aktantenmodell(e)

 

In der Aktantenanalyse (Analyse der handelnden Erzählfiguren) geht es nun darum, Figurenkonstellationen von Erzählungen aufzuspüren.

In welcher Beziehung stehen die innerhalb einer Erzählung auftretenden Personen bzw. Erzählfiguren zueinander? Wer hat die Zügel in der Hand, wer steht sich (feindlich) gegenüber,
wer gibt die/den Held*in, wer greift helfend ein und wem kommt schließlich die Rolle des Schurken/der Schurkin zu?

 

Ein Aktant in einer Erzählung ist jemand oder etwas, der handelt oder spricht. Aktanten
müssen nicht zwangsläufig menschliche Personen sein, vielmehr können auch Tiere oder
leblose Gegenstände als Aktanten betrachtet werden.

 

 

 

Das Aktantenmodell nach Vladimir Propp

 

Opponent: Schädigung; Kampf oder andere Formen der Auseinandersetzung mit den Helden; Verfolgung | Schenker: Ausstattung des Helden mit dem Zaubermittel | Adjuvant: Liquidierung des Unglücks; Rettung vor der Verfolgung; Lösung der schweren Aufgabe | Gesuchte Person: Zarentochter; Stellung einer schweren Aufgabe; Entlarven des falschen Helden; Identifizierung des echten Helden | Sender: Aussendung des Helden | Held: Auszug mit dem Ziel, etwas zu suchen | falscher Held: auch Auszug mit dem Ziel etwas zu suchen mit negativem Resultat

 

 

 

Das Aktantenmodell nach Algirdas J. Greimas

 

Gesucht werden drei verschiedene Aktantenpaare: Subjekt und Objekt auf der Ebene des Wollens (Wer will was?) Sender und Empfänger auf der Ebene der Kommunikation (Wer gibt wem was?) Helfer und Widersacher auf der Ebene der Umstände (Wer hilft, wer hindert?)

 

 

 

Das Aktantenmodell nach M. Ebner / B. Heininger:

 

In Anlehnung an V. Propp, der auf der Basis einer synchronen Analyse russischer Zaubermärchen insgesamt sieben „Handlungskreise“ ausgemacht und daraus „sieben allgemeine Rollen“ abgeleitet hatte und in Anlehnung an das von A. J. Greimas entwickelte Aktantenschema, das sie Zahl der in einer Erzählung präsenten Aktanten auf drei Paare reduziert –

Subjekt und Objekt auf der Ebene des Wollens (Wer will was?),
Sender und Empfänger auf der Ebene der Kommunikation (Wer gibt wem was?),
Helfer und Widersacher auf der Ebene der Umstände (Wer hilft, wer hindert?) -,

kann folgendes Modell als heuristisches Hilfsmittel für die Analyse der Figurenkonstellation herangezogen werden:

 

 

zusammengestellt aus: Ebner / Heiniger 75–79.114f.

 

 

Methodisches Vorgehen:

Wenden Sie eines der vorgestellten Aktantenmodelle auf Ihre zu untersuchende Bibelstelle an.

Wenn Sie das Modell von Ebner und Heininger verwenden, achten Sie daraufm mit der Adressant–Adressat–Linie zu beginnen.
Der/die Held*in ist erfahrungsgemäß immer am schwierigsten zu ermitteln. Dafür helfen die Knotenpunkte (s. o.): Der/die Held*in
ist an den wichtigsten Knotenpunkten einer Erzählung eingebunden.

 

 

 

Figurendarstellung (Charakterisierung)

 

Da Sie in der heutigen Folge schon viel lesen mussten, erörtere ich Ihnen den Methodenschritt der Figurendarstellung in einem Podcast und entlasse Sie heute auch ohne Arbeitsauftrag bis zur kommenden Woche (Selbstverständlich können Sie sich an ausgewählten Methodenschritten der Narraologischen Analyse an Ihren Hausarbeitstexten versuchen).

 


Literaturhinweise zur Narratologischen Analyse (I+II)

Martin Ebner / Bernhard Heininger: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (utb 2677), Paderborn 42018, 58–132.

Wilhelm Egger / Peter Wick: Methodenlehre zum Neuen Testament. Biblische Texte selbständig auslegen (Grundlagen Theologie),
Freiburg i. Br. 62011, 174–191.

Stephanie Feder: Aktantenanalyse, in: Markus Lau / Nils Neumann (Hrsg.): Das biblische Methodenseminar. Kreative Impulse für Lehrende (utb 4612), Göttingen 2017, 104-117.

Sönke Finnern: Narratologie und biblische Exegese. Eine integrative Methode der Erzählanalyse und ihr Ertrag am Beispiel von Matthäus 28 (WUNT II/285), Tübingen 2010.

Algirdas Julien Greimas: Strukturale Semantik. Methodologische Untersuchungen . Aus dem Französischen übersetzt von Jens Ihwe (Wissenschaftstheorie, Wissenschaft und Philosophie 4), Braunschweig 1971, 157–177.

Matías Martínez / Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie (C. H. Beck Studium), München 112019.

Vladimir Propp: Morphologie des Märchens, hrsg. v. Karl Eimermacher (stw 131), Frankfurt a. M. 1975.

Thomas A. Schmitz: Moderne Literaturtheorie und antike Texte. Eine Einführung, Darmstadt 22006.

Christian Schramm: Analyse der Charakterisierung, in: Markus Lau / Nils Neumann (Hrsg.): Das biblische Methodenseminar. Kreative Impulse für Lehrende (utb 4612), Göttingen 2017, 118-131.


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