08: Den hab´ ich doch schon mal gesehen ...

In der heutigen Folge untersuchen wir die ersten drei Evangelien hinsichtlich ihrer literarischen Abhängigkeit voneinander. Sie ist dabei so aufgebaut, dass in einem ersten Teil das synoptische Problem thematisiert und unterschiedliche Abhängigkeitsmodelle dargelegt werden, bevor in einem zweiten Teil der Methodenschritt des Synoptischen Vergleichs vorgestellt wird.


Das synoptische Problem


Wenn man die drei ersten Evangelien aufmerksam liest, stellt sich schnell der Eindruck eines Déjà-vu ein. Matthäus (Mt), Markus (Mk) und Lukas (Lk) erzählen ihre Jesusgeschichte bezüglich der Story überaus ähnlich, weisen aber gleichzeitig auch gewichtige Unterschiede auf.

 

Wie kommt es dazu?
Wie lassen sich so starke Gemeinsamkeiten bei gleichzeitigen Unterschieden innerhalb der drei Evangelien erklären?

 

Das trifft, kurz gesagt, die synoptische Frage, der wir heute nachgehen möchten.

 

Der Begriff „synoptisch“(σύνοψις/sýnopsis) komt aus dem Griechischen und bezeichnet etwas, was „zusammengeschaut“, also im Vergleich miteinander betrachtet werden kann.

 

Wer diese Frage stellt, möchte das Verhältnis der drei Evangelien zueinander klären.

 

Gibt es gegenseitige Abhängigkeiten?
Hat ein Evangelist eine Vorlage für die anderen geliefert?
Oder gibt es etwa eine Vorlage, die möglicherweise allen gemeinsam zugrunde liegt?

 

Alle diese Frage wurden (und werden es noch) schon lange gestellt, diskutiert und mit unterschiedlichen Modellen zu lösen versucht.

Bild: pixabay.com


Das synoptische Problem ergibt sich aus einem doppelten Befund.

 

1. Die synoptischen Evangelien stimmen miteinander überein:

 

- im groben thematischen Aufriss

Auftreten des Täufers; Taufe und Wüstenaufenthalt Jesu zu Beginn; Wirken Jesu in Galiläa; Jerusalem; Leiden und Sterben Jesu; Auferweckungsbotschaft am Grab

 

- in der Anordnung einzelner Textabschnitte

Beispiel: Heilung eines Gelähmten (Mk 2,1; Mt 9,1–8; Lk 5,17–26), Berufung des Levi (Matthäus) + Zöllnergastmahl (Mk 2,13; Mt 9,9–13; Lk 5,27–32) und die Frage nach dem Fasten (Mk 2,18–22; Mt 9,14–17; Lk 5,33–39) folgen bei allen drei Synoptikern direkt aufeinander.

 

- teilweise im Wortlaut

Ein Beispiel (dt. Übersetzung aus dem MNT):

Mt 9,6

ἵνα δὲ εἰδῆτε ὅτι ἐξουσίαν ἔχει
ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ἐπὶ τῆς γῆς ἀφιέναι ἁμαρτίας -
τότε λέγει τῷ παραλυτικῷ

„Damit ihr aber seht,
dass Vollmacht hat der Menschensohn, auf der Erde nachzulassen Sünden“ – dann sagt er dem Gelähmten...

Mk 2,10

ἵνα δὲ εἰδῆτε ὅτι ἐξουσίαν ἔχει
ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ἀφιέναι ἁμαρτίας ἐπὶ τῆς γῆς - λέγει τῷ παραλυτικῷ

„Damit ihr aber seht,
dass Vollmacht hat der Menschensohn, nachzulassen Sünden auf der Erde“ – sagt er
dem Gelähmten ...

Lk 5,24

ἵνα δὲ εἰδῆτε ὅτι ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ἐξουσίαν ἔχει ἐπὶ τῆς γῆς ἀφιέναι ἁμαρτίας - εἶπεν τῷ παραλελυμένῳ

„Damit ihr aber seht,
dass der Menschensohn Vollmacht hat, nachzulassen Sünden“ –
sagte er
dem Lahmen ...

 

Die Übereinstimmungen fallen hier deshalb so ins Auge, weil alle drei Evangelisten aus der Konstruktion fallen. Der in der wörtlichen Rede begonnene Nebensatz hängt in der Luft - er wird vom jeweiligen Evangelisten fortgeführt.

 

 

2. Sie weisen aber auch erhebliche Unterschiede auf:

 

- in Aufriss und Inhalt

  Beispiele: Kindheitserzählungen (Mt-Lk); Bergpredigt (Mt); Sondergut  

 

- in der Anordnung der Erzählstoffe

 

- innerhalb vergleichbarer Textabschnitte

Beispiel: Genealogie Jesu (Mt 1,1–17; Lk 3,23–38)

 

Das Nebeneinander von Gemeinsamkeiten und Unterschieden fordert die Frage nach dem gegenseitigen literarischen Verhältnis von Mt, Mk und Lk heraus:

 


Wie lässt sich der Verbund von augenfälligen Gemeinsamkeiten bei gleichzeitig
schwerwiegenden Unterschieden innerhalb der drei ersten Evangelien erklären?


Wege zur Lösung des synoptischen Problems


Bild: pixabay.com

 

Über unterschiedliche Modelle zur Lösung des synoptischen Problems informiere ich Sie im Podcast.

Eine Benutzungshypothese als (plausibelste) Lösung:
Die Zwei-Quellen-Theorie

Im Podcast unter der schematischen Darstellung der Zwei-Quellen-Theorie (2-Q-Th) stelle ich Ihnen diese näher vor.

Probleme mit der 2-Q-Th:

 

Anfrage an die Theorie lassen sich in drei Punkte bündeln.

 

1. Markinisches Sondergut

Mk Sondergut sollte es der Theorie nach nur geben, wenn sich ein Grund für die Auslassung durch die beiden Seitenreferenten - Mt und Lk - erklären ließe. Solche Erklärungen sind aber weitgehend möglich. Wollte man die Schwierigkeiten mir dem mk Sondergut ganz umgehen, müsste man die Markuspriorität aufgeben - hierbei würde man sich jedoch deutlich größere Schwierigkeiten einhandeln.

 

Markinisches Sondergut:
2,27:    Sabbatlogion
3,20f.:  Das Urteil der Verwandten über Jesus
4,26–29:  Das Gleichnis von der selbst wachsenden Saat
7,31–37:    Heilung eines Taubstummen
8,22–26:  Heilung eines Blinden
9,48:    Angehängtes Zitat aus Jes 66,24
9,49:    Wort vom Salz
14,51f.: Notiz vom nackt fliehenden Jüngling
15,44:   Verwunderung des Pilatus über den raschen Tod Jesu

 

2. Die sogenannte „lukanische Lücke“

Mk 6,45-8,26 wird am Stück ausgelassen (jedoch weitgehend erklärbar und keine wirkliche Anfrage an die 2-Q-Th).

 

3. minor agreements („kleinere Übereinstimmungen“)

Stellen die größte Anfrage an die 2-Q-Th dar, da es nach dem Modell keine Übereinstimmungen zw. Mt und Lk gegen Mk geben dürfte. Manche der minor agreements lassen sich durch redaktionelle Arbeiten an der Markusvorlage erklären, manche Übereinstimmungen dürften auch erst im Zuge der Textüberlieferung entstanden sein. Das Problem lässt sich nicht grundsätzlich aus der Welt bzw. dem Modell schaffen, aber in seinem Ausmaß als Problem doch erheblich mildern.

 

 

Wir können als Fazit formulieren:
Von allen Modellen hinsichtlich der Beantwortung der Frage nach dem synoptischen Problem zieht die 2-Q-Th insgesamt gesehen die wenigsten Folgeprobleme nach sich.

 

 


Der Synoptische Vergleich


Nachdem Sie nun das synoptische Problem (= Frage nach der direkten Abhängigkeit der ersten drei Evangelien) und einige Lösungsmodelle kennengelernt haben, kommen wir nun zum Vergleich, den wir auf der Grundlage der 2-Q-Th anstellen können.

 

Im Synoptischen Vergleich können wir minutiös nachzeichnen, wie Mt und Lk als sogenannte „Seitenreferenten“ die Markusvorlage übernehmen oder aber von ihr abweichen bzw. sie redaktionell bearbeiten.

 

Ein solcher Vergleich ermöglicht es uns also, wenn Sie so wollen, einen genauen Blick in die Schreibwerkstatt des Mt oder Lk zu richten.

Bild: pixabay.com

Sie merken an dieser Stelle vielleicht, dass hiermit ein „gekoppelter“ Methodenschritt vorliegt.

Wenn wir Texte nebeneinander legen, um sie miteinander zu vergleichen, dann nehmen wir die Texte auf der synchronen Ebene wahr. Die Fragen nach direkten literarischen Abhängigkeiten
der Texte untereinander bzw. einer Quellennutzung sind jedoch klar auf der diachronen Ebene
zu verorten.

Der synoptische Vergleich soll Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen Texten herausarbeiten, die solche Ähnlichkeiten aufweisen, dass sie im Detail miteinander verglichen werden können.

 

Es geht um Texte, die wenigstens zum Teil so parallel aufgebaut und formuliert sind, dass sie nebeneinander gelesen bzw. „zusammengesehen“ werden können (Zur Bedeutung des Begriffs  „synoptisch“ s. o.).

 

Im  praktischen Vorgehen werden die Texte also nebeneinander gelegt und Zeile für Zeile miteinander verglichen. Ziel ist es, Übereinstimmungen und Unterschiede der Texte   herauszuarbeiten.

Bild: pexels.com

 

Wie gehen Sie praktisch vor?

 

1. Sie unterstreichen:

blau: Wörtliche (!) Übereinstimmungen zwischen Mt – Mk – Lk

braun: Wörtl. Übereinstimmungen nur (!) zwischen Mt – Mk

orange: Wörtl. Übereinstimmungen nur (!) zwischen Mk – Lk

rot: Wörtl. Übereinstimmungen nur (!) zwischen Mt – Lk

grün: verbleibende Textteile (nur Mt oder nur Mk oder nur Lk)

 

2. Sie werten den Vergleich nach sprachlich-stilistischen und inhaltlich-sachlichen
    Kriterien aus.

Zunächst halten Sie dabei die Gemeinsamkeiten fest.
Worin stimmen alle drei Evangelien überein?
Wo nur einzelne Evangelien?

Anschließend untersuchen Sie die Abweichungen, unter Berücksichtigung folgender Aspekte:
Gibt es Veränderungen im Wortschatz oder Stilistische Veränderungen? Gibt es Auslassungen bzw. Hinzufügungen?
Fassen Sie ihre Ergebnisse kurz zusammen.

 

3. Sie beurteilen die Ergebnisse.

Werten Sie ihre Ergebisse insgesamt aus. Gehen Sie dabei am besten von den inhaltlich gewichtigsten Änderungen aus und versuchen Sie, eine besondere Intention des Mt oder Lk zu erfassen. Hier hilft Ihnen ggf. auch der Kontext, indem die jeweilige Textstelle in einem Evangelium verortet ist. Auch Kommentare zum Mt- und LkEv geben Ihnen hierzu Auskunft.

Abb.: Funktion der Evangeliensynopse in einem Bibelprogramm.

 

Hilfsmittel

Synopsen sind drucktechnisch aufbereitete Hilfsmittel, die einen Vergleich der Texte erleichtern.

Exegeten verstehen un­ter der Synopse ein Buch, in dem die drei ersten Evangelien so abgedruckt sind, dass jedes Evan­gelium in seiner ursprünglichen Reihenfolge zu lesen ist und gleichzeitig alle vergleichbaren Texte nebeneinander stehen. Das MKEv steht in der Mitte, da es nach der 2-Q-Th Quelle für Mt und Lk ge­we­sen ist.

Um einen Eindruck von einer Synopse zu erhalten, klicken Sie hier und schauen sich das Video zum „Synopsenführerschein“ an .

 

 

Problem

Je nach Qualität der Übersetzung können im deutschen Text Wörter als unterschiedlich oder gemeinsam erscheinen, die es angesichts der griechischen Textfassung gar nicht sind.

 

Beispiel (dt. Übersetzung aus dem MNT):

Mt 9,9

Καὶ παράγων ὁ Ἰησοῦς ἐκεῖθεν εἶδεν ἄνθρωπον …

Und weitergehend Jesus von dort, sah er einen Menschen …

Mk 2,14

Καὶ παράγων εἶδεν Λευὶν …

Und weitergehend sah er
Levi …

Lk 5,27

καὶ ἐθεάσατο τελώνην …

… und sah einen Zöllner …

Arbeitsauftrag (bis 21.06.2021):

Fertigen Sie einen synoptischen Vergleich von
Mk 1,9–11 par. an (eine synoptische Aufbereitung des griechischen Textes
finden Sie in der Datei zum Download).
Arbeiten Sie dabei gern in schon gebildeten Gruppen - das ist jedoch keine Voraussetzung - und schicken Sie mir nur die Synopse mit Ihren Unterstreichungen zu.
Sie erhalten dann in unserer nächsten Sitzung der exegetischen Schreibwerkstatt eine Musterlösung von mir.

 

Syn Vgl Taufperikope
PDF – 60,9 KB 51 Downloads

Zum Vertiefen oder Weiterlesen:

Martin Ebner / Bernhard Heininger: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (utb 2677), Paderborn 42018, 133–159.

Martin Ebner: Die synoptische Frage; Die Spruchquelle Q, in: Ders. / St. Schreiber (Hrsg.): Einleitung in das Neue Testament (KStTh 6), Stuttgart 32020, 73–91; 92–117.

 

Synopsen:

Kurt Aland (Hrsg.): Synopsis quattuor evangeliorum. Locis parallelis evangeliorum apocryphorum et patrum adhibitis, Stuttgart 151996.

Josef Hainz (Hrsg.): Synopse zum Münchener Neuen Testament, Düsseldorf 22007.

 

Ausgaben der Logienquelle Q:

Paul Hoffmann / Christoph Heil (Hrsg.): Die Spruchquelle Q. Studienausgabe. Griechisch und Deutsch, Darmstadt 32009.

The Critical Edition of Q. Synopsis including the Gospels of Matthew and Luke, Mark and Thomas with Englisch, German, and French Translations of Q and Thomas, ed. by J. M. Robinson  / P. Hoffmann / J. S. Kloppenborg, Leuven 2000.


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