09: Schriftliche und mündliche Vorstufen eines Textes


Mitten hinein in die diachrone Analyse!


Die diachrone Analyse trägt dem grundlegenden Befund Rechnung, dass es sich bei den biblischen Texten „in charakteristischer Weise um Traditions-, Interpretations- und Fortschreibungsliteratur handelt.“ Biblische Texte sind „nicht in einem Wurf entstanden“, sondern haben im Falle der ntl Schriften jahrzehntelange Wachstumsprozesse erfahren. [1]

 

Methodisch geht es darum, Quellen herauszuarbeiten und Schichtungen freizulegen.

 

Die diachrone Analyse setzt sich also - Sie erinnern sich (falls nicht, schauen Sie sich unbedingt noch mal die Folge 01 an!) - zum Ziel, die Entstehungsgeschichte eines biblischen Textes anhand von Wachstumsspuren zu rekonstruieren. [2]

 

[1] Beide Zitate aus Alexander Weihs: Methoden der Schriftauslegung, in: Susanne Gillmayr-Bucher / Thomas Meurer u. a. (Hrsg.): Bibel verstehen. Schriftverständnis und Schriftauslegung (Theologische Module 4), Freiburg i. Br. u. a. 2008, 133-166, hier: 149.

[2] Vgl. Udo Schnelle: Einführung in die neutestamentliche Exegese (utb 1253), Göttingen 72008, 133.

Bild: pixabay.com

Sie wissen bereits, dass wir bezüglich der Frage nach der Entstehungsgeschichte eines biblischen Textes analytisch vom heute vorliegenden Text (= synchron) ausgehen und Indizien finden müssen, die etwas über die Genese eines Textes verraten.

 

Ein weiterer Arbeitsschritt geht dann synthetisch von den angenommenen schriftlichen und mündlichen Quellen und Traditionen aus, die einem Text zugrunde gelegen haben. Wie und warum haben diese Einzug in den heute vorhandenen Text gehalten? Eine solche Fragerichtung nimmt also den umgekehrten Weg.

 

Beide Perspektiven, die analytische und die synthetische, ergänzen sich, wie es die folgende Graphik verdeutlicht:

 

 

Graphik aus: Ursula Ulrike Kaiser: Einführung in die neutestamentliche Exegese. Überblick - Anleitungen - Beispiele - Literatur,
Hamburg 2014, 34 (hier online einzusehen).

 

Sie sehen in der Graphik, dass der synoptische Vergleich unter den Methodenschritt der Literarkritik subsummiert wird. Ich wähle diese Methode als Scharnier von der synchronen zur diachronen Untersuchungsebene, da im Vergleich beide Arbeitsweisen zur Anwendung kommen.

Ein synoptischer Vergleich erlaubt, wie Sie seit der letzten Folge wissen, nur Aussagen über die Redaktionstätigkeit von Matthäus und Lukas, sofern sie der Markusvorlage folgen. Jeweilges Sondergut im MtEv und LkEv oder Vorstufen des MkEv sind mit dem synoptischen Vergleich nicht zu erfassen.

Hier braucht es den Methodenschritt der Literarkritik, die im Folgenden vorgestellt werden soll.

 


Literarkritik


Um sich die Arbeitsweise der Literarkritik zu verdeutlichen (und zu erfahren, wir Pretty Woman mit diesem diachronen Analyseschritt zusammenhängt), hören Sie zunächst den Podcast.

 

Die Literarkritik zeichnet schriftliche Entwicklungsstufen eines biblischen Textes nach, indem sie - ausgehend von Uneinheitlichkeiten (Inkohärenzen) - die "Schere ansetzt" und den Text zunächst in verschiedene Schichten auftrennt.

 

Ziel ist es, die Entstehung eines Textes von einer ursprünglichen Fassung über verschiedene Bearbeitungsschritte bis hin zum Endtext nachzuzeichnen.

 

Neben der Analyse der Anzeichen im Text, die auch ein Wachstum des Textes hindeuten, geht es auch um eine systematische Auswertung dieser Anzeichen und den Entwurf eines Entwicklungsmodells des Textes.

 

Während das Aufspüren von Inkohärenzen relativ leicht gelingt, liegt die Schwierigkeit der Literarkritik im Entwurf des Entwicklungsmodells. Hier sind Sie auf die Ausführungen in der Kommentarliteratur angewiesen.

Bild: pixabay.com

Die Literarkritik erlebte einen Boom im 19. und 20. Jh. und wurde zum Methodenschritt der historisch-kritischen Exegese schlechthin, weil man zunächst meinte, nun „den eigentlichen Schlüssel zum Verständnis der biblischen Überlieferung in den Händen zu halten.“
Der „weitere Weg [in der Forschungsgeschichte] vollzog sich über eine Relativierung bis hin zur Integration des traditionsanalytischen Zugangs in den Rahmen eines größeren methodischen Gesamt-Kanons. In den heutigen Entwürfen historisch-kritischer Methodik nimmt die traditionsanalytische Fragestellung einen festen Platz ein, wobei allerdings die frühere Zuversicht, verschiedene entstehungsgeschichtliche Schichtungen mit großer Präzision trennschaft eruieren zu können, nun einer größeren Zurückhaltung gewichen ist.“

[Weihs: Methoden 151.]


Traditionskritik


Traditionskritik

 

Die Traditionskritik fragt, ähnlich wie auch die Literarkritik, nach der Genese eines biblischen Textes sowohl in mündlichen Phasen als auch in schriftlichen Vorformen auf einer vorredaktionellen Ebene. 

 

Traditionen sind „geprägte Inhalte“ in biblischen Texten.

 

Fragestellung und Zielsetzung (Modell der Textentstehung) sind also nahezu gleich, besonders ist der Aspekt, dass auch mdl. Entstehungsprozesse berücksichtigt werden.

 

Typische geprägte Inhalte sind atl Referenzen oder (im besten Fall) wörtliche Zitate aus dem AT oder Texten der antiker Literatur. Aber auch inhaltlich verwandte Erzählmuster, Topoi oder Motive müssen berücksichtigt werden. Es besteht also ein enger Zusammenhang zur Begriffs- und Motivgeschichte, die Sie in der kommenden Folge kennenlernen, wenn wir uns mit unserem zweiten Seminartext beschäftigen.

 

Wenn Sie sich an dieser Stelle schon intensiver mit der Traditionskritik auseinandersetzen wollen, empfehle ich die Lektüre des entsprechenden Kapitel (4.2) des Online-Readers von Prof. Thomas Naumann (Universität Siegen), den ich Ihnen hier verlinke.

 

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