10: Eine dämonische Schweinerei

In der heutigen Folge geht es schwerpunktmäßig zum einen um die geschichtlichen Hintergründe eines Textes, die - wenn man darum weiß - zu einem besseren Textverständnis beitragen können.

In einem zweiten Teil geht es um den Methodenschritt der Begriffs- und Motivgeschichte, die an die Traditionskritik aus der letzten Folge anknüpft.

Die heutige Folge dient aber auch dazu, einige Methoden - insbesondere die Zugangsmöglichkeiten zu ntl Texten - zu wiederholen.


Unser Text ab der heutigen Folge: Mk 5,1-20


In den verbleibenden Folgen unseres Online-Seminars erarbeiten und trainieren wir die ausstehenden Methodenschritte am Textabschnitt Mk 5,1-20, den Sie hier in der Übersetzung der Basisbibel nachlesen können.

 

Für Studierende der WWU:
In unserer Zoom-Sitzung am 19.01. werden wir einige Verse besonders aus dem Beginn der Textstelle gemeinsam übersetzen. Halten Sie also ggf. ein Wörterbuch und eine griechische Textgrundlage bereit. Falls Sie keine eigene Ausgabe des griechischen NT besitzen, werden Sie hier fündig.

 

Es handelt sich hierbei um eine der dramatischeren Episoden im gesamten MkEv und eine umfangreiche Wundererzählung (genauer: einen Exorzismus) mit fatalen Folgen ... besonders für eine Schweineherde.


Zum ersten Einstieg nach der Textlektüre schauen Sie sich das folgende Video an.

Wie wird die Textgrundlage szenisch umgesetzt?
Welche Stimmung wird transportiert?
Gibt es Aspekte des Textes, die fokussiert werden?  

 

Im Sinne einer methodischen Vergewisserung über bereits erarbeitete Methodenschritte können Sie für sich einmal die untenstehenden Aspekte bearbeiten. Bei einem Klick auf die ersten beiden Fragen bzw. Aufgabenstellungen erhalten Sie einen Lösungsvorschlag. 

V.1: Wo fährt Jesus eigentlich genau hin? Ein geographisches Problem mit textkritischen Folgen

Dass der Mk-Evangelist (irrtümlich oder bewusst?) Gerasa am Ufer des Sees Genezareth lokalisiert (54 km Luftlinie bzw. 2 Tagesreisen vom See entfernt!), wird in der exegetischen Wissenschaft oft als Indiz für seine schlechte Ortskenntnis gewertet. Schon früh korrigierten deshalb einige Handschriften diese Ortsangabe und boten Varianten, u. a. das heute unbekannte Gergesa. Im MtEv (vgl. Kap. 8) wird die Textstelle der Begegnung zweier (!) Besessener in die Gegend von Gadara (südöstlich des Sees Genezareth) verlegt. Gadara lesen auch die wichtigen Textzeugen A und C.


Versuchen Sie die Struktur der Textstelle Mk 5,1-20 zu erfassen.

A VV. 1–5 B VV. 6–12 C VV. 13 B´ VV. 14–17 A´ VV. 18–20

Wie wird die Erzählfigur des Besessenen aus Gerasa charakterisiert (vgl. bes. V. 1-6)?
Welche stilistischen Mittel werden hierbei eingesetzt?

Lassen sich Spannungen, Wiederholungen o. ä. im Text ausmachen, die auf ein literarisches Wachstum hindeuten? 

Bild: pixabay.com

Überschriften zur Textstelle aus gängigen Kommentaren zum MkEv

(gleichzeitig ein Beispiel für die korrekte bibliographische Aufnahme von Kommentarliteratur)

 

Heilung eines Besessenen und dessen Verkündigung in der Dekapolis
                    Peter Dschulnigg: Das Markusevangelium (ThK.NT 2), Stuttgart 2007.

Ein besessener Gerasener wird Zeuge göttlichen Erbarmens
                    Wilfried Eckey: Das Markusevangelium. Orientierung am Weg Jesu. Ein Kommentar,
                    Neu­
kirchen-Vluyn 22008.

Die Heilung des Besessenen von Gerasa
                    Josef Ernst: Das Evangelium nach Markus (RNT), Regensburg 1981.

Ein Besessener wird zum Verkünder
                    Joachim Gnilka: Das Evangelium nach Markus. 1. Teilband. Mk 1–8,26 (EKK II/1),
                    Neu­
kirchen-Vluyn 31989.

Die Dämonenaustreibungen bei den Gerasenern
                    Dieter Lührmann: Das Markusevangelium (HNT 3), Tübingen 1987.

Ein Besessener wird zum Verkünder
                    Rudolf Pesch: Das Markusevangelium. I. Teil. Einleitung und Kommentar zu Kap. 
                    1,1–8,26 (HThK.NT II), Freiburg i. Br. u. a. 31980.

Dämonischer Angriff und Jesu Sieg im Heidenland
                    Ludger Schenke: Das Markusevangelium. Literarische Eigenart – Text und
                    Kommentierung,
Stuttgart 2005.

Heilung des Besessenen von Gerasa. Mittelalterliche Buchillustration,
Bildnachweis: Healing_of_the_demon-posessed.jpg, Wikimedia Commons (Aufruf: 15.01.2021)

Lohnende Spezialbeiträge zur Textstelle

 

Christopher Burdon: ‘To the Other Side’: Construction of Evil and Fear of Liberation in Mark 5.1–20, in: JSNT 27 (2004), 149–167.

Martin Ebner: Wessen Medium willst du sein? („Die Heilung des Besessenen von Gerasa“). Mk 5,1–20, in: Ruben Zimmermann (Hrsg.): Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen, Bd. 1: Die Wunder Jesu, Gütersloh 2013, 266–277.

Matthias Klinghardt: Legionsschweine in Gerasa. Lokalkolorit und historischer Hinter­grund von Mk 5,1–20, in: ZNW 98 (2007) 28–48.

Markus Lau: Die Legio X Fretensis und der Besessene von Gerasa. Anmerkungen zur Zahlenangabe „ungefähr Zweitausend“ (Mk 5,13),
in: Bib 88 (2007) 351–364.

Stuart T. Rochester: Good News at Gerasa. Transformative Discourse and Theological Anthropology in Mark’s Gospel, Bern 2011.

Bild: pixabay.com


Zeit- und religionsgeschichtliche Hintergründe eines Textes


Die Untersuchung der Zeit- und Sozialgeschichte setzt sich zum Ziel, die geschichtliche Situation, in der der Text entstanden ist, zu erschließen. Um die im Schaubild oben dargestellten Verständnisbarrieren überwinden zu können, müssen wir uns mit Hilfsmittel auf eine Reise in die Zeit Jesu bzw. die Entstehung des der ntl Texte begeben.

 

Der Methodenschritt erhellt

„die auf den Text einwirkende (bzw. die sich im Text spiegelnde) geschichtliche Situation und die diese ebenso wie den Text selbst bestimmenden kulturellen und religiösen Traditionen [...]. Untersuchungsgegenstand ist in diesem Fall also nicht so sehr der neutestamentliche Text selbst, sondern die Umwelt des Neuen Testaments, wie sie uns in der Literatur des Frühjudentums und des späten Hellenismus bzw. der Kaiserzeit [...] entgegentritt.“

[Martin Ebner / Bernhard Heininger: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (utb 2677),
Paderborn 72008, 244.]

 

Dabei rückt besonders das wirtschaftliche, politische und kulturelle Umfeld eines ntl Textes in den Fokus der historischen Rückfrage. Untersucht werden können:

  • politischen Institutionen (Imperium Romanum, Statthalterschaft in Judäa …)
  • sozialen Gruppen (religiöse Gruppen zur Zeit Jesu, Witwen …)
  • wirtschaftliche Rahmenbedingungen (Zollwesen, Pachtwesen, Handel ...)
  • Organisation von Religion und Kultur (Tempelkult, antikes Schulwesen ...)
  • ...

Im Zusammenhang mit der zeit- und sozialgeschichtlichen Analyse werden Realien untersucht.

 

Es geht in diesem methodischen Schritt um
die Erhellung von lebenswirklichen - realen -  Rahmenbedinungen und Umständen.

 

Die Exegese bedient sich dabei anderer Fächer als Hilfswissenschaften, etwa

  • der Alten Geschichte
  • der antiken Archäologie
  • der klassischen Philologie
  • der antiken Epigraphik (Inschriften)
    oder Numismatik (Münzen)

Bild: pixabay.com


Anwendung auf unseren Text

 

Im Podcast erfahren Sie nun etwas über den historischen Hintergrund zu unserer Textstelle.

 

Wenn Sie hier klicken sehen Sie ein Fragment eines Dachziegels der 10. Legion Fretensis aus Judaea, der im Archäologischen Museum der WWU Münster ausgestellt wird.

 

Wenn Sie diesem Link hier folgen, können Sie sich umfassender über die Legio X Fretensis informieren.


Begriffe und Motive


Dieser Methodenschritt fragt nach der Herkunft, der Geschichte, der Bedeutung, der Entwicklung sowie der Verwendung der im Text enthaltenen Begriffe und Motive.

 

„Bei einem Motiv handelt es sich um ein Wort, ein Bild, eine Metapher oder ein Thema mit relativ feststehender Bedeutung auf die ein Autor zurückgreifen kann, um einen bestimmten Sachverhalt auszudrücken.“

[Udo Schnelle: Einführung in die neutestamentliche Exegesen (utb 1253), Göttingen 72008, 137.]

 

Das Ziel besteht darin, den Bedeutungsinhalt eines Begriffs oder Motivs sowie die konkrete Verwendung im (Kon)Text herauszustellen.

 

Sie können hieran feststellen, dass sich die diachrone und die synchrone Betrachtungsweise ergänzen.

Bild: pixabay.com

Auch wenn ein enger Konnex zur traditionsgeschichtlichen Analyse (Tradition als geprägter Inhalt) besteht, ist die Analyse von Begriffen und Motiven nicht einfach darunter zu subsumieren.

 

Hier gehe ich mit Udo Schnelle, der zunächst darauf aufmerksam macht, dass in den Methodenbüchern, Einleitungen und Kommentaren

 

„große terminologische und methodische Unklarheit [herrscht], so dass eine begriffliche Klarstellung notwendig ist. Versteht man unter ‚Tradition‘ den Werdegang eines Textes auf vorredaktioneller Ebene, so gehört dies in den Bereich des Methodenschrittes ‚Traditionsgeschichte‘. Meint ‚Tradition‘ neben einem geprägten Bedeutungsinhalt vor allem einen bestimmten Tradentenkreis mit einem erkennbaren Überlieferungsinteresse, so ist dieser methodische Schritt vielleicht in der alttestamentlichen, nicht aber in der neutestamentlichen Exegese durchführbar, weil sich bestimmte Tradentenkreise innerhalb der Gemeinde nur hypothetisch ermitteln lassen. Es empfiehlt sich daher für die ntl. Exegese, auf den Terminus ‚Überlieferungsgeschichte‘ ganz zu verzichten und ‚Tradition‘ im Sinn von ‚Traditiongeschichte‘ als Erhelung der Vorgeschichte zu verstehen.“

[Udo Schnelle: Einführung in die neutestamentliche Exegesen (utb 1253), Göttingen 72008, 137f.]

Bild: pixabay.com

 

 

Sie erkennen in der Anwendung des Methodenschritts, dass die ntl Texte nicht einem luftleeren Raum entstanden, sondern vielmehr in religiöse und geistesgeschichtliche Kontexte
des AT, des aniken Judentums und der

römisch-hellenistischen Umwelt eingebettet sind.


Praktisches Vorgehen


Verschaffen Sie sich einen Überblick über den historischen Hintergrund eines Textes oder bestimmte Begriffe oder Motive.

 

Prüfen Sie in der Motivkritik - etwa mittels einer Konordanzrecherche -, wo Motive oder Begriffe über Ihre Textstelle hinaus noch im NT begegnen. Prüfen Sie etwaige Parallelstellen mit den unten genannten Hilfsmitteln.

 

Folgende Leitfragen können Ihnen bei der Analyse helfen:

Was erfahren Sie über einen Begriff / ein Motiv und dessen Verwendung? Wird er / es im NT-Text aus der Umwelt übernommen oder modifiziert verwendet? Was sind Verbinungslinien? Gibt es ggf. eine Bedeutungsverschiebung? Und wenn dem so sein sollte: Warum ist das möglicherweise so?


Um den historischen Hintergrund zu einem Text oder Begriffe und Motive zu erschließen, sind Sie auf vorhandene (exegetische) Hilfsmittel angewiesen.

 

In der Erhellung des historischen Hintergrundes helfen Ihnen die Kommentare oder Spezialuntersuchungen, aber auch Nachschlagewerke, von denen ich Ihnen einige aufliste:

 

Allgemeine theologische Lexika:

LThK3: Walter Kasper u. a. (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg i. Br. u. a. 31993-2001.

TRE: Gerhard Krause / Gerhard Müller (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, Berlin 1977-2004.

RGG4: Hans Dieter Betz (Hrsg.): Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Tübingen 41998-2005.

 

Zu Konkordanzen und biblischen Lexika vgl. die Auswahlbibliographie zur exegetischen Hausarbeit in Folge 07)

Darüber hinaus:

DDD: Karel van der Toorn (Hrsg.): Dictionary of Deities and Demons in the Bible, Leiden 21999.

EBR: Hans-Josef Klauck (Hrsg.): Encyclopedia of the Bible and its Reception, Berlin 2009ff.
→ aus dem Netz der WWU Münster auch als Volltext digital verfügbar.

Josef Hainz (Hrsg.): Personenlexikon zum Neuen Testament, Darmstadt 2004.

 

Einführungen und Textsammlungen zur Umwelt und Zeitgeschichte des Neuen Testaments

Klaus Berger / Carsten Colpe (Hrsg.): Religionsgeschichtliches Textbuch zum Neuen Testament (TNT 1), Göttingen 1987.

Kurt Erlemann u. a. (Hrsg.): Neues Testament und antike Kultur. 5 Bände, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag 2011.

Bernd Kollmann: Einführung in die neutestamentliche Zeitgeschichte (Einführung Theologie), Darmstadt 32014.

Jens Schröter / Jürgen Zangenberg (Hrsg.): Texte zur Umwelt des Neuen Testaments (utb 3663), Tübingen 32013.

Sehr aufschlussreich ist auch die Fachzeitschrift Welt und Umwelt der Bibel. Jedes Heft ist einem bestimmten Thema gewidmet.

 

Althistorische Lexika

DNP: Hubert Cancik u. a. (Hrsg.): Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Stuttgart 1996–2003.

RAC: Theodor Klauser u. a. (Hrsg.): Reallexikon für Antike und Christentum. Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt, Stuttgart 1950ff.


Arbeitsauftrag bis zu unserer letzten Zoom-Sitzung am 06.07.

 

Im Learnweb-Kurs zum Online-Seminar finden Sie Auszüge aus dem EWNT und dem TBLNT (s. Abb. rechts) zu zwei Begriffen, die in unserem Text Mk 5,1-20 begegnen.
Es handelt sich dabei um
τὸ ὄνομα und ὁ οἶκος.
Informieren Sie sich über die beide Begriffe und die Verwendung in unserem Markustext.

Sie brauchen mir keine Ergebnisse zu schicken!


«   »