11: Von Weinflaschen und alltäglichen Gebrauchssituationen

Die Form- und Gattungskritik richtet ihr Augenmerk zunächst auf formale Textelemente, die dann die Zuordnung zu einer Gattung ermöglichen. Darüber hinaus wird nach dem sogenannten „Sitz im Leben“ gefragt, wodurch sich die historische Verankerung eines Textes erfassen lässt.


Von der Form auf den Inhalt schließen


Die Form- und Gattungskritik geht „von der Grundeinsicht aus, dass die literarische Form und der Inhalt eines Texts sich in einem Entsprechungsverhältnis zueinander befinden und sich wechselseitig erläutern.“ [1]

 

[1] Nils Neumann, Gattungskritik und Sitz im Leben, in: Markus Lau / Ders. (Hrsg.):Das biblische Methodenseminar. Kreative Impulse für Lehrende (utb 4612), Göttingen 2017, 203-219, hier: 204.

 

Man kann das ganz sehr gut am Bild der Flasche illustrierten:

Es lassen sich Rückschlüsse von der Forum z. B. einer Weinflache auf den Inhalt ebendieser ziehen. Sie wissen, wenn sie eine Weinflasche sehen, dass darin Wein abgefüllt ist - wenn es sich um eine Bierflasche handelt, erwarten Sie kein Mineralwasser darin.

Wenn beim Abfüllen niemand einen groben Fehler gemacht hat oder jemand Sie austricksen will, dann weist eine jeweilige charakteristische Flaschenform unmissverständlich auf ihren Inhalt hin.

Bild: pixabay.com

Wenn wir von Texten reden, dann haben wir automatisch so viele vergleichbare Texte im Kopf, die wir unbewusst abrufen und in wenigen Sekunden zu einer bestimmten Gattung zuordnen können, ohne dass wir dabei lange nachdenken müssten. 

 

Um Beispiele aus dem Alltag zu wählen, denken Sie an Rezepte, den Liebesbrief (vielleicht kennen einige solche auch im digitalen Zeitalter noch ...), Todesanzeigen etc.

 

Aber auch im Bereich der Mündlichkeit treffen Sie Gattungszuordnungen und ordnen so etwa einen „Häschen-Witz“ direkt als solchen ein - demgegenüber wissen Sie, dass Sie nach einem Tischgebet mit Amen antworten.

 

Weil wir um so viele vergleichbare Texte wissen, leistet unser Gehirn im Unterbewusstsein einen Dreischritt, den Sie unten schematisiert dargestellt sehen:

Wir nehmen einen konkreten Einzeltext (Text A) in seiner individuellen Form wahr, rufen dann eine Vielzahl von weiteren Texten über die vergleichbare Form auf (Text B, C, D, ...) und ordnen Sie einem Gattungsbegriff zu. [2]

Graphik aus Martin Ebner / Bernhard Heininger: Exegese des Neuen Testaments.
Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (utb 2677), Paderborn 42018, 183. Der Nachweis gilt auch für die im
o. g. Absatz mit [2] gekennzeichnete Passage, die in Anlehnung an das Methodenbuch formuliert ist.

Sie merken, dass der Gattungsbegriff eine Idealform ist und abstrakt gebildet wird.

Wir können die Gattung „Märchen“ nicht in der Hand halten - was wir sehr wohl können ist einen Text, der mit „Es war einmal ...“ beginnt und mit „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.“ endet, sehr schnell als „Märchen“ einzuordnen.

Diesen im Kopf unterbewusst ablaufenden Prozess müssen wir nun in unserer exegetischen Schreibwerkstatt methodisch abbilden.

 

Wie das geht? Das verrate ich Ihnen im nächsten Kapitel.


Wie gehen Sie nun methodisch vor?


Sie gelangen in vier methodischen Arbeitsschritten zur Gattungsbestimmung, von denen ich nachfolgend nur die beiden letzten erläutere, da Sie die ersten beiden bereits kennengelernt haben.

 

  1. „Ausschneiden“ des Einzeltextes (= Literarkritik; vgl. Folge 09)
  2. Beschreibung der individuellen Form des Einzeltextes (vgl. Folge 03)
  3. Vergleichstexte finden und sichten
  4. Das Gattungsschema erstellen

 

Im dritten Schritt gilt es darum, Vergleichstexte zu finden, die eine ähnliche Form aufweisen wie ihr Einzeltext. Diesen haben sie auf strukturbildende Merkmale untersucht und können nun - in der Regel mittels Literatur - nach ähnlich strukturierten Texten im NT selbst und in dessen Umfeld suchen. Eine erste Anlaufstelle sind hier stets die Kommentare, die auf weiterführende Literatur verweisen.

Kann der Einzeltext, den Sie exegetisch untersuchen, im wahrsten Sinne des Wortes formal mit den anderen Vergleichstexten mithalten, dann können Sie ihn einem Schema - einer Gattung - zuordnen.

Beispiel für die Klassifizierung von Wundererzählungen


Gattung

Beispiele

Charakteristika

Exorzismen (Dämonenaustreibungen)

Mk 1,23–28; 5,1–20; 9,14–29

Ausgeliefertsein des Kranken an einen in ihm weilenden Dämon; Machtkampf zw. […] Dämon und Wundertäter

Therapien
(einschließlich Totenerweckungen)

Mk 1,29–31; 5,25–34; 7,31–37; 8,22–26; 10,46–52

Heilung durch Übertragung einer wunderhaften Energie vom Wundertäter auf den Kranken; vielfach Glaubensmotiv

Normenwunder

Mk 2,1–12; 3,1–6; Mt 8,5–13;
Lk 17,11–17

Begründung von Normen als Funktion des Wunders; vielfach Entschärfung der Tora (Durchbrechung des Sabbatgebots)

Geschenkwunder

Mk 6,30–44; 8,1–10; Lk 5,1–11; Joh 2,1–11

Wunderbare Bereitstellung materieller Güter durch Jesus; Spontanität der Wunderhandlung; Unauffälligkeit des Wundervorgangs; breite Ausgestaltung der Wunderdemonstration

Rettungswunder

Mk 4,35–41; 6,45–52

Wunderbare Errettung aus einer Notsituation

Epiphanien
(Erscheinungswunder)

Mk 6,45–52; 9,2–10

Wunderbares Erscheinen und plötzliches Verschwinden Jesus als eines göttlichen Wesens; sachliche Nähe zu den Ostererscheinungen

Tabelle aus Bernd Kollmann: Neutestamentliche Wundergeschichten. Biblisch-Theologische zugänge und Impulse für die Praxis (Urban-Taschenbücher 477), Stuttgart 32011, 180–182.

Formelemente einer Wundererzählung


Nachfolgend finden Sie eine Auflistung zu formalen Elementen von Wundererzählungen.

 

Hiervon müssen nicht alle Motive in einer Erzählung vorkommen.
Die Übersicht ist eine gute Hilfe zum Aufspüren von Formmerkmalen. Untersuchen Sie doch einmal unseren Text Mk 5,1-20 hinsichtlich vorkommender Motive und notieren Sie diese (Sie müssen mir Ihre Ergebnisse nicht zuschicken!).  

 

einleitende Motive

Kommen des Wundertäters
Auftreten der Menge
Auftreten von
    - Hilfsbedürftigen
    - Stellvertretern
    - Gesandtschaften
   - Gegnern
Motivation des Auftretens von Gegenspielern

zentrale Motive

Szenische Vorbereitung
Wunderhandlung            
    - Berührung
    - Heilende Mittel
    - Wunderwirkendes Wort
    - Gebet
Konstatierung des Wunders

expositio-nelle Motive

Charakterisierung der Not
Annäherung an den Wundertäter
    - Erschwernis
    - Niederfallen
    - Hilferufe
    - Bitten um Vertrauensäußerung
Zurückweichen
    - Missverständnis
    - Skepsis und Spott
    - Kritik
Gegenwehr des Dämons
Verhalten des Wundertäters
    - Pneumatische Erregung
    - Zuspruch
    - Argumentieren
    - Sich-Entziehen

finale Motive

Wundertäter
    - Entlassung
    - Geheimhaltungsgebot
Gegenspieler / Zwischenspieler              
    - Demonstration
    - Admiration
    - Akklamation
    - Ablehnende Reaktion
    - Ausbreitung des Rufes

Übersicht aus G. Theißen: Urchristliche Wundergeschichten. Ein Beitrag zur formgeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien, Gütersloh 71998.; Vgl. zum von Theißen erarbeiteten und in der Folge durch Rudolf Pesch erweiterten und modifizierten  Motivgerüst auch ausführlich Ebner / Heininger: Exegese des NT 73–75.


Begriffe und Definitionen im Überblick


Form:

Jeder ntl Text liegt in einer konkreten Form vor, die seine sprachliche Gestalt ausmacht. Diese Form wird z. B. bei einer Strukturuntersuchung oder der Erhebung von Kompositionsmustern sichtbar.

 

Gattung:

Eine Gattung ist eine abstrakte Kategorie - Raster - und fasst alle Texte zusammen, die eine wiederkehrende Form aufweisen, gemeinsame Motive etc. enthalten und zu einer bestimmten lebensweltlichen Situation gehören.

 

„Sitz im Leben“:

Der Begriff wurde erstmals von Hermann Gunkel [1862–1932] eingebracht (Die Grundprobleme der israelitischen Literaturgeschichte, in: Ders.: Reden und Aufsätze, Göttingen 1913, 29–38.).

Über den „Sitz im Leben“ haben wir uns noch nicht verständigt. Damit ist eine bestimmte soziale Funktion benannt, mit der ein Text verbunden ist. Es geht also um eine Kommunikationssituation bzw. eine typische Verwendungssituation, in welcher (kulturell gespeicherte) Gattungsmuster ihren konkreten Einsatz finden.

Beispiel: „Grüß Gott!“
Grammatikalisch handelt es sich um eine Aufforderung - der „Sitz im Leben“ allerdingds ist
in der Kontaktaufnahme zu sehen.

[Vgl. Ebner / Heininger: Exegese des NT 185.]

Graphik aus Martin Ebner / Bernhard Heininger: Exegese des Neuen Testaments.
Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (utb 2677), Paderborn 42018, 186.

Probieren Sie Form- und Gattungskritik einmal im Alltag aus!


Bild: pixabay.com

Literaturhinweise:


(die ersten vier Titel sind Werke der „Pioniere“ der Form- und Gattungskritik):

Rudolf Bultmann: Die Geschichte der synoptischen Tradition. Mit einem Nachwort von Gerd Theißen (FRLANT 29), Göttingen 101995.

Martin Dibelius: Die Formgeschichte des Evangeliums, Tübingen 51966.

Hermann Gunkel: Die Grundprobleme der Israelitischen Literaturgeschichte, in: DLZ 27 (1906), 1797–1800.1861–1866.

Ders.: Die Sagen der Genesis, Göttingen 21901.

Klaus Berger: Formgeschichte des Neuen Testaments, Heidelberg 1984.

Paul-Gerhard Klumbies: Herkunft und Horizont der Theologie des Neuen Testaments, Tübingen 2015, 53–57 (bes. zu den theologischen Entwicklungen, die zur Entstehung der Formgeschichte beigetragen haben).

Gerd Theißen: Urchristliche Wundergeschichten. Ein Beitrag zur formgeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien, Gütersloh 71998.


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