12: Der Text innerhalb eines theologischen Gesamtkonzepts

Im Methodenschritt der Redaktionskritik fragen wir danach, warum ein Text in der Endgestalt vorliegt, in der wir ihn heute zur Kenntnis nehmen. Der Bogen schließt sich - wir kommen zur synchronen Ebene zurück. Darüber hinaus möchte ich Ihnen in dieser letzten Folge unseres Online-Seminars aufzeigen, wie Sie am Ende einen theologischen Ertrag formulieren können.


Redaktionskritik


Die Redaktionskritik ist eng mit der Literarkritik verknüpft. In diesem vorausgegangenen analytischen Arbeitsgang haben wir einzelne Schichten im ntl Text „ausgeschnitten“ und ältere schriftliche Vorstufen ermittelt.

 

Die Literarkritik haben Sie dabei als einen analytischen Arbeitsgang kennengelernt.

 

Die Untersuchung der redaktionellen Tendenzen setzt sich nun zum Ziel, die einzelnen Teile wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Letztlich geht es dann aber auch darum, das theologische Profil eines Textes bzw. einer ntl Schrift zu erheben.

 

Hierbei handelt es sich also um einen synthetischen Arbeitsgang.

Der Bogen schließt sich also, da nun die Letztbearbeitung eines Textes (und so der Text, wie er uns heute vorliegt) in den Blick genommen wird. Wir sind am Ende somit wieder auf der synchronen Ebene angekommen.

 

Tritt ein Verfasser als Bearbeiter schon vorhandener Texte auf, nennen wir ihn begrifflich korrekt „Redaktor“ und machen damit deutlich, dass er Stoffe in sein theologisches Gesamtkonzept integriert hat. Dass es innerhalb der Redaktionskritik um das Ü b e r a r b e i t e n - nicht das Verfassen -
von Texten geht, wird auch im heutigen Sprachgebrauch deutlich, wo der Begriff „Redaktion“ schwerpunktmäßig für das Redigieren oder das Herausgeben von Texten steht. 

    Bild: pixabay.com

    Wie gehen Sie nun methodisch vor? Das erkläre ich Ihnen im heutigen Podcast.

    Ein Tipp: Bevorzugte Stellen redaktioneller Bearbeitung an Texten sind oft rahmende Teile, wie etwa Ein- und Ausleitungen bzw. -formeln oder auch „Nahtstellen“ der Textteile, die miteinander verbunden worden sind. Auch in den Redeteilen kommt das theologische Profil eines Verfassers, den wir in diesem Methodenschritt Redaktor nennen, zum Tragen (denken Sie etwa an den eingeschobenen Dialog zwischen dem mt Jesus und dem Täufer in der Taufperikope im MtEv).

    Literatur zum Methodenschritt:

    Martin Ebner / Bernhard Heininger: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis (utb 2677), Paderborn 42018, 353–387.

    Wilhelm Egger / Peter Wick: Methodenlehre zum Neuen Testament. Biblische Texte selbständig auslegen (Grundlagen Theologie), Freiburg
    i. Br. u. a. 62011, 255–268.

     

    Der Text als Teil als eines theologischen Konzepts


    Nachfolgend sehen Sie eine theologische Landkarte für den Mittelteil des MkEv.
    Der mk Jesus hält sich in den Kapiteln 3,7-8,22 schwerpunktmäßig in der Nähe des Sees Gennesaret auf.

    Sie können nicht nur erkennen, dass Jesus im MkEv sowohl im jüdischen als auch im heidnischen Gebiet wirkt, sondern auch, dass er an einigen Stellen direkt vom einen an das andere Ufer wechselt.

    Anhand dieser Übersicht lassen sich Aussagen über die Theologie des ältesten Evangeliums treffen, die Sie sich mittels des Methodenschritts der Redaktionskritik erschließen können.

    Abbildung aus Rupert Feneberg: Der Jude Jesus und die Heiden. Biographie und Theologie Jesu im
    Markusevangelium (HBS 24), Freiburg i. Br. u. a. 2000, 159.

    Lesen Sie doch einmal die in der Abbildung aufgelisteten Stellen nach und vollziehen Sie für sich die Abbildung nach.

    Folgende Leitfragen können Sie dabei berücksichtigen:

    Was sind Auffälligkeiten und Besonderheiten?

    Welche Bedeutung hat Jesu erster Besuch im heidnischen Gebiet?

    Erinnern Sie sich dabei an die Inhalte unserer Zoom-Sitzung zum Text Mk 5,1-20. 

    Gibt es Querverbindungen zwischen einzelnen Texten im Sinne einer übergreifenden Redaktion?

    Wie komponiert und arrangiert der Markusevangelist seine Texte im größeren Zusammenhang?
    Lässt sich daraus etwas über das theologische Interesse des Mk ableiten?

    Die Komposition (Anordnung der Erzählstoffe) ist ein Aspekt redaktioneller Tätigkeit.


    Theologischer Ertrag


    Sie haben im Rahmen des Online-Seminars eine Vielzahl exegetischer Methoden kennengelernt.
    Am Ende dieser letzten Folge geht es mir darum, Sie nicht nur daran zu erinnern, dass Sie in Ihren Hausarbeiten am Ende ein Gesamtfazit ziehen müssen, sondern Sie auch zu ermutigen, dass Sie am Ende einer Exegese stets nach dem theologischen Ertrag fragen.

     

    „Ich kann einen Text verstehbar machen – doch ich kann den, dem ich diesen Text nahegebracht habe, nicht zum Glauben führen […]. Einen Text verstehbar machen, ist mit Methoden annähernd möglich. Methodisch unmöglich ist es, dieses Selbstverständnis so aus­­zu­sprechen, daß es Glauben weckt. […]

    Zunächst geht es unter anderem um die Erhebung theologischer Aussagen eines Textes, bevor die Umsetzung in die Gegenwart erfolgt. Diese Erhebung geschieht immer in der Wechsel­beziehung zu meiner eigenen Position. Lese ich mein Gottesverständnis ein – oder lasse ich den Text reden?

    Bild: pixabay.com

     

    [Ein solcher theologischer Ertrag kann z. B. unter Anwendung der folgenden Fragestellungen formuliert werden:]

     

    • Theologische Fragestellung
      Was sagt der Text über Gott aus?
      Was sagt er z.B. über sein Wesen, sein Handeln?
    • Christologische Fragestellung
      Was sagt der Text über Jesus Christus aus?
    • Pneumatologische Fragestellung
      Was sagt der Text über den heiligen Geist aus?
    • Soteriologische Fragestellung
      Was sagt der Text über Jesu Heilshandeln aus?
    • Ekklesiologische Fragestellung
      Was sagt der Text über die Gemeinde im weitesten Sinne aus?
      (so z. B. auch über Jünger, Nachfolger und Nachfolgerinnen, Kirche)
    • Eschatologische Fragestellung
      Was sagt der Text über die letzte Zeit aus?
      (Was sagt er über das Kommen der Herrschaft Gottes, das Kommen Jesu?)
    • Ethische Fragestellung
      Was sagt der Text z.B. über das erwünschte/abgelehnte Verhalten aus?
    • Anthropologische Fragestellung
      Was sagt der Text über den Menschen aus?

     

    (aus Wolfgang Fenske: Arbeitsbuch zur Exegese des Neuen Testaments. Ein Proseminar, Gütersloh 1999, 66f.)


    Zum Abschluss:
    ... so that you know the certainty of the things you have been taught. (Lk 1,4)



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