Frauen in den Evangelien


Ab Mitte Mai starte ich eine neue Reihe über „Frauenportraits in den Evangelien“.

 

Ausgewählte weiblichen Erzählfiguren kommen darin selbst zu Wort, thematisieren die Texte, in denen sie begegnen, aber auch die Rezeption, die sie erfahren (haben).

Als Folgen sind geplant:

* Maria aus Magdala *
* Die Tochter der Herodias *
* Maria und Martha *
* Die Syrophönizierin *
* Die Frau am Jakobsbrunnen *
* Herodias *
* Die Schwiegermutter des Petrus *



Nachfolgend präsentiere ich den Teaser zur Reihe.

Der Text wurde von Martha Kindermann (u. a. Sprecherin und Autorin) eingesprochen, der ich an dieser Stelle herzlich dafür danke!



Ich schließe meine Augen. Innerlich bin ich aufgewühlt von all den Gedanken, die mich bewegen. Sehe auf die Geschichte, in der ich begegne. Diese eine Geschichte, die so vielfach und vielfältig erzählt wird. So vielfältig wie ich bin. Wie wir sind.

 

Ihr fragt euch, wer ich bin? Wer wir sind? Ihr kennt uns. Ihr kennt uns und habt ein Bild vor Augen. Ein Bild? Oder vielmehr ein gebrochenes Mosaik an Einzelbildern? Überlieferte Bilder, bruchstückhafte, verzerrte, verfälschte oder auch verklärte Bilder? Vielleicht glaubt ihr auch nur, uns zu kennen. So, wie ihr seine Geschichte kennt. Die Geschichte kennt uns … aber kennt sie uns wirklich? Wir sind mehr als Schatten der Überlieferung oder Bestandteile der Tradition. Wir sind mehr als nur hübsches Beiwerk einer Geschichte von Männern um ihn.

 

Manchmal nennt ihr uns „Gottes starke Töchter“, manchmal überseht ihr uns schlicht. Einige von uns begegnen unvermittelt, ganz plötzlich, nur in einer kurzen Szene. Über andere wiederum drehen sich ganze Episoden. Manche von uns werden nur über ihren Status vorgestellt – oder ihr Schicksal. Sie werden nicht einmal bei ihrem Namen genannt. Nicht von ihm, nicht von ihnen. Dabei ist es so wichtig, einen Namen zu haben. Die Vier, deren Namen ihr kennt, haben sich Mühe gegeben, aber sie schrieben im Kontext ihrer patriarchalen Welt. Manchmal kennen sie unsere Namen, oft dagegen begegnen wir nur im Pronomen. Oder im Wort „Frau“. Oder werden über diejenigen definiert, die meinen, über uns zu stehen. Uns kleinhalten. Das kleine „sie“ im großen Text. Das kleine „sie“ im großen Ganzen. Die unbedeutende „Frau“ der damaligen Zeit? Ja, wir werden schnell übersehen. Dabei haben wir so viel gesehen.

 

Wir sind Protagonistinnen der Erzählungen um ihn. Schillernd, facettenreich – wichtig! Jede einzelne von uns hat ihren Platz in der Geschichte um den, der sie verändert. Er, der seine Spuren in unserem Leben hinterlässt. Der so viel in uns auslöst, uns Hoffnung schenkt. Unser Leben verändert, es durchkreuzt. Manche von uns sind nur von der Sehnsucht getrieben, in seiner Nähe zu sein. Die Worte zu hören. Das Geheimnis zu sehen. Einige belächeln uns dafür – wollen nicht, dass wir in seiner Nähe sind. Dabei haben wir einen klaren Blick auf die Ereignisse, die sich unter uns erfüllen – manchmal sogar klarer als die, von denen die Schriften erzählen, dass sie ständig in seiner Nähe waren.

 

Wir sind Begleiterinnen. Manche von uns mit ihren Dämonen. Wir überschreiten Grenzen. Auch jenseits der Konvention. Sichtbare und unsichtbare Grenzen. Grenzen, die uns krümmen und die uns prägen. Wir suchen das Verlorene. Wir hören zu, bleiben hartnäckig, erkennen den richtigen Augenblick, sind bekennende Zeuginnen!

 

Salbend, weinend, glaubend.
Gekrümmt vom Leben – gebeugt vor dem Dunkel des Grabes.
Verängstigt, besorgt, fürsorglich.
Nachdenklich und aufbegehrend.
Verzweifelt und verständig.
Heilsam, aufrichtend, wegweisend.
Beauftragt, gesendet, gesegnet.

 

Wir sind mehr als nur Nebenfiguren in einer Männergeschichte. Mehr als nur Übeltäterinnen und Randbemerkungen. Wir haben unsere Geschichten. Unsere Stimme. Unser Handeln. Unser Zeugnis! Entschieden und mit allen Konsequenzen

Wir sind Frauen in den Evangelien.

Ich bin eine von ihnen.

 

© Volker Niggemeier